Lesen ist was tolles

Lesen ist was tolles, das denkt sich zumindest Laura, während sie auf dem Bett sitzt.

Man muss zugeben, gerade liest sie nicht. Aber ihr Buch liegt auf ihrem Nachtschränkchen, die Seite auf der sie aufgehört hat noch aufgeschlagen. Sie hat vor, weiter zu lesen, jedoch ist sie gerade noch beschäftigt.

Der Grund dafür ist ein Spiel auf ihrem Handy, es ist simpel, aber trotzdem kann sie sich nicht darüber helfen, wie Spaß es ihr doch macht. Es geht einfach darum, mit Bällen Klötze kaputt zu machen. Die Schwierigkeit im Spiel? Sowohl Bälle als auch die Klötze haben bestimmte Anzahlen. So hat sie beispielsweise 90 bunte Bälle, aber auf den Klötzen stehen jeweils Zahlen, sowie 91 oder vielleicht sogar 182, kaputt gehen die Klötze nur, wenn die Zahlen komplett weg waren. Das geht zum Beispiel dadurch, dass Laura versucht so zu zielen, dass die bunten Runden mehrfach in Kontakt mit den ebenso bunten Quadraten kommen.

Trotz der gewissen Schwierigkeit, die darin liegt, ist das Mädchen schon recht weit gekommen. Genauer gesagt, sie hat mittlerweile schon 976 Runden überstanden.

Das ist auch der Grund, weshalb sie gerade nicht am lesen ist. Es fehlen ihr schließlich nur noch 24 bis zu der großen Zahl, die Tausend.

Also spielt sie weiter, ihre grauen Augen komplett auf den Bildschirm fokussiert, während sie konzentriert zielt, ein befriedigtes Grinsen auf ihren Lippen, wenn sich der Wurf als beinahe perfekt herausstellt. Laura beobachtet, wie die Zahlen auf den Blöcken gemächlich abnehmen, nur noch einer von fünf übrig, wenn die Zahl, die die Runden anzeigt, auf 977 umspringt. Zu sagen, dass sie gerne mit dem Spiel angibt wäre untertrieben, sie liebt es nahezu, vor allem wenn sie ihren Klassenkameraden, der nie höher als zwanzig kommt, damit ärgern kann.

Man muss ja ehrlich sein, hätte Laura nicht ein Schlupfloch gefunden, durch das sie schummeln kann, wäre sie vielleicht nicht so weit gekommen. Aber das muss ja niemand wissen, die Hauptsache ist schließlich ihr Highscore, nicht wie sie ihn erlangt hat.

Erneut setzt sie für einen Wurf an, schmollend, da er ihr dieses Mal nicht so gut gelingt. Schnell schließt sie die App, bevor sie wieder draufgeht und es erneut probiert. Sie wiederholt es so oft, bis der Wurf endlich perfekt sitzt.

So geht das weiter, Runde über Runde.

Ihre Mutter hat mal gemeint, sie solle doch lieber etwas aus sich machen. Sei es lernen, einen Sport treiben oder sonst etwas, wie zum Beispiel in einen Verein oder einfach mal raus gehen.

Aber warum sollte Laura? Sport mag sie nicht, sie sieht es nicht ein, dass sie sich Durchhaltevermögen erst antrainieren müsste für so etwas wie Rennen oder jegliche andere Tätigkeit. Da investiert sie ihre Geduld lieber in das Spiel auf ihrem Handy.

Lernen? Langweilig, sie findet, dass sie sich doch eh nichts merken kann. Die Lehrer sind alle blöd, die Fächer sind alle blöd, die Schule ist blöd. So einfach ist es. Was soll sie sich denn noch alles merken? Wie lange der 30 jährige Krieg ging? Also bitte, da sind die Namen von Liedern und Sängern doch besser.

In einen Verein gehen? Was für einen denn? Tanzen kann sie nicht, alles andere findet sie langweilig, auch wenn sie es noch nie ausprobiert hat.

Rausgehen? Sich mit Freunden treffen? Wozu denn? Sie hat doch schon deren Nummern auf WhatsApp.

Kurz gefasst, am Handy sein und lesen sind bessere Alternativen als das ganze Zeug, für dass sie nicht in der Laune ist.

Somit spielt sie einfach weiter, von Zeit zu Zeit mal wieder die App schließend, wenn sie nochmal neu werfen will, ihre Begeisterung mehr und mehr am ansteigen, wenn die Zahl wieder mal steigt.

Bald hat sie es geschafft, es fehlen ihr nur noch fünf bis zu der erwünschten Zahl. An diesem Punkt kann sie es sich nicht verkneifen, einen Screenshot zu machen und kurz die App zu schließen, stattdessen WhatsApp öffnend. Die Leidenschaft zu prahlen hat definitiv nicht nachgelassen, also postet sie den Screenshot in ihrem WhatsApp Status, dazu einen grinsenden Emoji, bevor sie – mal wieder – die App des Spiels öffnet.

Dann, nach fünf Runden, die vielleicht zwanzig Versuche beinhalteten, ist es endlich so weit. Die Tausend ist geknackt und erneut macht Laura einen Screenshot davon, den sie stolz in ihrem Status präsentiert.

Nachdem all das getan ist, schaut sie endlich von ihrem Handy hoch und wirft einen Blick auf das Buch in ihrer Nähe. Laura steht auf von ihrem Bett und legt ihr Handy beiseite, dann nimmt sie das Buch endlich hoch.

Das Mädchen pustet den Staub davon, schlägt es zu, legt es weg und nimmt ihr Ladekabel.

Sie steckt es ein, steckt das Kabel in ihr Handy und öffnet wieder die App.

Lesen ist was tolles.

Aber nur noch 1000 bis zu den 2000 …

(Picture taken by Sophie Eichel)

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