Herbsttränen, Kapitel 9

Nervös steht Maria vor dem Spiegel und betrachtet ihr Outfit.

Sie hat keine Ahnung wie das überhaupt geklappt hat, aber … sie sieht aus wie ein Rotkehlchen.

Okay, natürlich hat sie keine Federn – Außer der Roten, die in ihrem Dutt steckt – allerdings trägt sie einen bläulich-grauen Pullover, zusammen mit einer grauen Jeans.

Auf den roten Bauch und die rote Kehle hat sie verzichtet, schließlich ist das heute nur das Casting, trotzdem bestand ihre Mutter darauf, dass sie so viele Farben des Rotkehlchens wie möglich an sich hat.

Eine Frau kommt in den Warteraum, eine große Brille sitzt auf ihrer Nase und sie schaut runter, auf ihr Klemmbrett.

Maria?“

Sie brauch nicht den Nachnamen zu sagen, Maria ist die letzte die übrig ist von denen, die sich beworben haben.

Hastig stolpert die junge Frau also auf die andere zu, ihre Wangen erröten, über ihre eigene Tollpatschigkeit.

Die Ältere tut es ab mit einem amüsierten Grinsen. „Alles gut“, sagt sie, „Aufgeregt?“

Maria schnaubt: „Ich bin so ruhig wie eine gekochte Spaghetti gerade ist.“

Schallend lacht die Brillenträgerin. „Immerhin hast du mehr Humor als die anderen. Übrigens, cooles Outfit“, jetzt lächelt sie.

Schüchtern lächelt die Jüngere zurück, gerade als sie etwas antworten möchte, wird sie allerdings von der Blonden mitgezogen.

Auf ihren fragenden Blick hin kriegt Maria die Antwort: „Wir können ja net ewig schwätzen, ne?“

Diesmal ist es die Dunkelhaarige, die laut lacht.

Als die beiden an einer Glasscheibe vorbeikommen, wirft sie einen kurzen Blick auf ihr Make-Up.

Im nächsten Moment steht sie in der Mitte eines Raumes.

Die Frau, die sie geführt hat, wirft ihr noch einen ermutigenden Blick zu, bevor sie den Raum verlässt, Maria den forschenden Blicken der drei Leute hinter einem länglichen Tisch überlassend.

Die Frau und zwei Männer betrachten die sorgsam ausgewählten Farben ihrer Kleidung, dann fällt der Blick des Ältesten auf ihre Augen.

Kannst du mal kurz näher kommen?“, fragt er, Überraschung liegt in seiner Stimme.

Schüchtern nickt die Dunkelhaarige und folgt der Aufforderung.

Maria lächelt erleichtert, wenn der Mann schmunzelt über ihren farbenfrohen Lidschatten. „Das ist ja mal cool. Okay, Maria, dann zeig uns mal, was du drauf hast.“

Er macht eine auffordernde Geste und Maria geht zurück in die Mitte des Raumes.

Ein letztes Mal nimmt sie einen tiefen Atemzug, bevor sie beginnt sich vorzustellen und dann letztendlich zu singen.

Ein paar Stunden, vielleicht zwei oder drei, findet sie sich selbst wieder, wo sie so gerne alleine ist.

Sie beobachtet, wie langsam die Sonne untergeht, diesmal allerdings weniger in Frustration aber mehr mit einer innigen Zufriedenheit.

Sie möchte gerade ihr Handy nehmen um ein Bild zu machen, als das ihr allzu bekannte Tier wieder auftaucht.

Wieder hat sie ein Foto, mit dem kleinen Rotkehlchen vor dem Sonnenuntergang, diesmal fliegt es allerdings nicht durch das Bild, sondern landet gerade, auf einem Ast nahe Maria.

Diese lächelt sanft und tut ihr Handy weg, leise den Vogel anguckend.

Na du“, sagt sie leise, beinahe fängt sie an zu lachen, wenn der Vogel seinen Kopf schief legt.

Was will der Mensch von dir, hm?“, diesmal lacht sie doch leise, „Wie wäre es mit .. danke sagen?“

Das Rotkehlchen hopst ein Bisschen näher an sie ran, mit seinen schwarzen Augen betrachtet es Maria neugierig.

Danke. Danke dafür, dass du mir ein Bisschen Optimismus gegeben hast und mehr von dem Gedanken, einfach mal frei und glücklich zu sein. Danke dafür, dass du mir durch das Bild geflogen bist vor ein paar Tagen, andererseits hätte Mama nie das Bild von dir gefunden und mir nie den Flyer gegeben, andererseits hätte ich nicht angefangen, mehr nachzudenken. Wer weiß? Vielleicht würde ich ja jetzt hier sitzen, weil ich wieder einen schlechten Tag in der Bücherei hatte? Du erinnerst mich an jemanden …“, ihr Lächeln wird ein wenig traurig, „Dieser jemand hat genauso gut zugehört wie du … Ich glaube …. Wärest du und dieser Jemand nicht gewesen, würde ich immer noch nicht ans Glücklichsein glauben..“

Sie lächelt breit und betrachtet das kleine Tier, das auf dem Ast neben ihrem Arm sitzt und scheinbar aufmerksam zuhört.

Was bist du denn für ein Vogel? Hast du keine Angst vor mir?“

Jetzt ist es Maria, die neugierig ihren Kopf schief legt.

Einen Moment später redet sie aber schon weiter, beinahe so wie damals, wenn sie mit Josy geredet hat.

Jedenfalls … Weißt du was? Ich bin jetzt auch ein Rotkehlchen“, sie grinst breit, „Vielleicht hast du ja deswegen kein Problem damit, so nahe an mir dran zu sein. Aber hey! Guck mal, wie ich geschminkt bin, ist das nicht cool?“

Sie zeigt auf ihren rot-orangenen Lidschatten, der ohne Probleme ihre braunen Augen noch brauner scheinen lässt.

Ein glückliches Funkeln ist in ihren Augen, während sie den Vogel anguckt. In diesem Moment hat sie das Gefühl, Josy in dem Tier zu sehen.

Das Funkeln wird zu kleinen Tränen, allerdings reißt sie sich schnell zusammen und hält die Tränen zurück. „Ich vermisse dich, Josy“, flüstert sie, zu niemand Bestimmtem und doch irgendwie zu dem Rotkehlchen.

Ich muss jetzt aber echt gehen, Mama möchte wahrscheinlich alles hören“, sie lacht, „Man sieht sich!“

Sie nimmt ihre Tasche und springt von dem Ast, auf dem sie saß, runter. Sie dreht sich noch einmal um, um das Rotkehlchen anzugucken, bevor sie auf das Papier in ihrer Hand guckt.

Während sie läuft, liest sie sich das Skript des Musicals durch, in ihrer Brust sitzt eine Zufriedenheit, wie noch nie zuvor.

(Illustration drawn by Tara Mota Fünder)

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