Herbsttränen, Kapitel 8

Sanft prasselt der Regen auf die Straßen, leise, nahezu liebevoll wie liebkosende Hände.

Die meisten Leute sitzen in ihren Häusern und schauen entweder raus, oder machen es sich warm in ihren Zimmern.

Die einzigen Ausnahmen sind die, in den paar Autos, die gemächlich über die Straße rollen, manche langsam, manche nicht.

Das braune Laub lässt die Regentropfen abprallen, in manchen Laubhaufen formt es dann entweder eine Pfütze, oder sickert in das Gras, macht es matschig.

Ein Bisschen der farbigen Blätter liegt auf den Straßen, unter anderem ein Grund warum einige Leute so langsam fahren, es macht sie rutschig.

Trotz des scheinbar trüben Wetters ist es alles andere als trüb und langweilig in dem Auto, in dem Maria und ihre Freundin sitzen, kutschiert von Marias Mutter.

Munter singen die Mädchen die Lieder im Radio mit, die junge Frau wirft ihnen amüsierte, aber liebevolle Blicke zu durch den Rückspiegel.

Mama?“, beginnt auf einmal die Neunjährige.

Für einen kurzen Augenblick schaut ihre Mutter ihr in die Augen, das Lächeln steht geschrieben in ihnen. „Jaaa?“

Josy und ich können später echt mal Sängerinnen werden, oder? Wir können voll gut singen, oder?“

Die Ältere gluckst: „Natürlich, mein Schatz, wenn ihr nur wollt, könnt ihr später mal werden, was immer ihr wollt!“

Glücklich klatschen die zwei Mädchen, als hätte die Fahrerin nicht gerade ihrem Kindheitstraum zugestimmt, aber einen Rede für den Nobelpreis gehalten.

Siehst du?“, weit grinst Maria Josy an, „Mama sagt, wir können später mal singen! Stell dir vor, wir bleiben beste Freunde für immer und singen zusammen – Oh wir könnten eine Gruppe zusammen gründen! Oh! Ich mag das Lied!“

Josy grinst nahezu genauso weit zurück und schon fangen die beiden wieder an, zu singen. Laut und falsch, aber dafür glückselig.

Marias Mutter lächelt sanft, die Energie, die ihre Tochter in sich hat, kann zwar manchmal anstrengend sein, vor allem wenn Maria wieder in einen Redeschwall ausbricht, allerdings liebt sie ihre Tochter für genau das.

Wenn sie nur wüsste, dass ihre Tochter bald nicht mehr so ein Energie Bündel sein würde, bald es vermeiden würde mit anderen zu reden, für die nächsten zehn Jahre oder vielleicht auch mehr.

Oh, wenn sie alle nur wüssten.

Bald genug ist das Lied zu ende und Maria klatscht begeistert ihre Hände. „Wie wäre es, wenn wir uns die Herbsttränen nennen w- Mama pass auf!

Das Radio ist laut, doch wird es übertönt, wenn ein Auto erst seitlich auf sie zu schlittert und dann in sie reinfährt.

Ich vermisse sie“, murmelt Maria, trübselig starrt sie auf den Bildschirm ihres Laptops.

Ich weiß“, antwortet ihre Mutter in dem Versuch, sie zu trösten, bevor sie einen vorsichtigen Kuss auf den Kopf ihrer Tochter drückt, „Ich weiß und es tut mir so Leid.“

Unruhig läuft die langhaarige Frau auf und ab in dem Zimmer, dessen Wände voll mit Büchern sind. Sie schaut auf ihr Handy, nervös.

Komm schon“, versucht ihr Mann sie zu beruhigen, „Maria wird sicherlich bald zu Hause sein.“

Das bringt allerdings die Frau nicht davon ab, friedlos durch das Wohnzimmer zu laufen. „Verdammt, ich mache mir Sorgen“, sie flucht leise, „Du verstehst es nicht, Jonathan, ich hab Angst, wenn ich um die Jahreszeit nicht mal weiß, wo sie ist.“

Sie ist achtzehn“, wirft der Mann ein.

Und? Ich war neunundzwanzig als der Unfall passiert ist! Es ist doch unabhängig vom A-“

Die Tür öffnet sich, beide schauen erwartungsvoll in die Richtung, wo gleich ihre Tochter durch die Tür kommen würde.

Maria -“, beginnt die Mutter, allerdings spricht Marias Vater schneller, „Wo warst du? Wir haben uns Sorgen gemacht.“

Oh kommt schon“, schnappt Maria, „Ich bin kein Kind mehr.“

Und mit diesen Worten geht Maria in ihr Zimmer, kein Stück des Energiebündels mehr zu sehen, als sie ihren Eltern den Rücken zudreht.

Die Unterlippe ihrer Mutter zittert leicht, allerdings sagt sie nichts, während sie in die Küche geht, um Maria etwas vom Essen auf den Teller zu machen.

Mama?“, schüchtern schaut die Jüngere die Andere an, „Es tut mir Leid. Wie ich zu dir war. Ich wollte das nie“, murmelt sie.

Sanft streichelt die Ältere Maria übers Haar. „Es ist okay, ich verstehe es. Mach dir keine Vorwürfe, okay?“, sie lächelt und gibt ihrer Tochter einen weiteren Kuss auf den Kopf, „Es war nicht dein Fehler, du konntest es nicht wissen.“

Maria schnieft: „Aber ich hätte das Auto früher sehen sollen, ich hätte dich früher warnen sollen, aber ich war zu beschäftigt damit, Mist zu machen …“

Hättest du nicht“, unterbricht die Dunkelhaarige sie, „Du hättest es nicht verhindern können, die Straßen waren rutschig, ich konnte nicht schnell genug ausweichen und die andere Person konnte nicht das Auto stoppen. Es war niemals dein Fehler, okay?“

Leise schnieft Maria nochmal, bevor sie langsam nickt.

Bist du eigentlich glücklich in der Buchhandlung?“, fragt Marias Mutter plötzlich, als Antwort schüttelt sie ihren Kopf langsam.

Warum versuchst du nicht, dir einen neuen Job zu besorgen?“

Keine Ahnung“, murmelt Maria, „Vielleicht als eine Art Bestrafung für mich selbst … Ich weiß es nicht.“

Ihre Mutter drückt Maria auf einmal etwas in ihre Hand, eine Art Broschüre. „Ich bin mir sicher, Josy hätte gewollt, dass du etwas machst, wobei du glücklich bist.“

Ein bisschen Schuldbewusst sieht sie aus, wenn Maria sich die Broschüre neugierig anguckt.

Ein Musical – ? Jemand für die Rolle eines Rotkehlchens gesucht? Mama woher -?“

Schuldbewusst zuckt ihre Mutter mit den Schultern bevor sie spricht: „Ich wollte dir letztens deine Wäsche hochbringen und habe das Bild gesehen.“

Tief holt Maria Luft, die Ältere zuckt schon zusammen, als würde sie einen Wutausbruch von ihrer Tochter erwarten.

Danke Mama“, flüstert sie in dem Moment, in dem sie ausatmet. Sie zieht ihre Mutter in eine feste Umarmung.

Ich hab dich lieb“, sagt sie sanft, diesmal ist es Marias Mutter, die einen Kuss auf den Kopf gedrückt kriegt.

 

 

(Picture taken by Sophie Eichel)

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