Herbsttränen, Kapitel 7

Während Maria und ihre Mutter die noch warme Lasagne essen, herrscht Stille.

Die Ältere durchbricht diese Stille als erstes, wenn sie ihre Gabel niederlegt und fragt: „Wie war dein Tag?“

Die Jüngere kaut nachdenklich und versucht, eine gute Antwort zu finden. Wenn sie das Essen runter schluckt und antwortet, hört ihre Mutter ihr aufmerksam zu. „Anstrengend“, murmelt Maria, erneut herrscht kurzweilig Stille, bevor sie weiter redet: „Wir hatten heute einen Kunden, super unhöflich sag ich dir. Er kam zu mir nach dem Motto ‚Wo ist denn dieses Dings von Dings?‘ und regte sich auf, wenn ich nicht wusste, was er meinte. Die Chefin wurde dann auch noch sauer … Und dann war da noch dieser Typ“, sie stöhnt im Gedanken daran.

Typ?“, hakt die andere neugierig nach.

Typ“, bestätigt Maria, „So ein Kerl, hat mich an der Bushaltestelle angesprochen und kam dann sogar in den Laden. Ich hab ihn raus geschickt, weil es kurz vor Ladenschluss war, allerdings kam er dann nach Ladenschluss noch mal zu mir und meinte ich würde nicht meine Ruhe haben, bis ich ihm meine Nummer gebe. Wir sind gegangen um Kaffee zu trinken und er hat mich sitzen lassen.“
Ihre Mutter nickt ein paar Male, bevor sie was entgegnet, was die junge Frau perplex auf gucken lässt.
„So ein Arschkeks. So sagt man das doch heute, oder?“
Ein paar Sekunden streichen vorüber, dann fangen beide schallend an zu lachen.
Es scheint das erste Mal seit Langem zu sein, dass Maria wieder ehrlich lacht.

Maria sitzt auf ihrem Bett in ihrem Lieblingspyjama, sie ist eingewickelt in eine Decke und wartet darauf, dass ihre Mutter kommt.

Sie haben sich beide dazu entschieden, einen Mutter-Tochter-Abend zu machen; Heiße Schokolade trinken, sich in Decken einkuscheln, Serien auf dem Laptop gucken und einfach reden.

Das letzte Mal, dass beide so Zeit miteinander verbrachten, ist mittlerweile rund zwölf Jahre her, bereits mit neun hat Maria angefangen sich mit ihren Eltern zu streiten und von ihnen zu isolieren.

Umso glücklicher macht beide der Gedanke, an den bevorstehenden Abend.

Die junge Frau zählt irgendwann neugierig die Sekunden, bis ihre Mutter kommt.

Gerade als sie sich verzählt – statt zweihundert zählt sie versehentlich nochmal einhundertundneunzig – kommt die Ältere rein und der Geruch von Schokolade erfüllt den Raum.

Stück mal ein rück“, Marias Mutter lächelt und setzt sich hin, wo Maria gerade Platz gemacht hat. Bevor sie die Tasse nimmt, die ihre Mutter ihr entgegenhält, tut Maria ihr Handy weg. Dann nimmt sie die heiße Tasse mit einem Lächeln. „Danke Mom.“

Die Ältere lächelt nur sanft, bevor sie sich in eine Decke einwickelt und zu ihrer Tochter setzt.

Mama?“

Hmm?“, sie schaut Maria neugierig an, „Was gibt’s?“

Findest du …“, Maria zögert erst, „Findest du mich selbstsüchtig?“

Die Langhaarige bedenkt sie mit einem nachdenklichen Blick, bevor sie ansetzt zur Antwort.

Ganz ehrlich?“, beginnt sie vorsichtig, „Du redest mittlerweile so selten mit mir, ich kann es nicht mal so wirklich beantworten. Ich kann verstehen wieso, wirklich, allerdings … Ich weiß es nicht, Maria. Ich habe es oft genug mitbekommen, wie du mich vor anderen als die böse Mutter dargestellt hast, aber ob es aus Selbstsucht, Hass mir gegenüber oder einfach aus Pessimismus ist, ich weiß es nicht. Wenn du wissen möchtest, was ich glaube: Ich glaube, du schaffst es nicht mehr, nach dem Guten zu suchen in den Sachen, die um dich herum geschehen. Du erzählst mir von Jungs, die dich sitzen lassen, selber suchst du allerdings nie nach jemandem, der dich besser behandelt. Ich kann nicht sagen, ob du nicht daran glaubst, dass es auch Gutes um dich herum gibt, ob du weiterhin in Selbstmitleid baden möchtest oder ob du einfach möchtest, dass das Gute zu dir kommt. Ich glaube, es passiert um dich herum ganz viel, was einfach echt mies ist, wo du es allerdings nicht schaffst, einfach auszubrechen und nach Besserem zu suchen. Du bist … Wie ein Vogel im Käfig seit dem Vorfall vor -“

Genug“, unterbricht Maria ihre Mutter, sie wurde ganz blass, als ihre Mutter beinahe dieses sensible Thema angesprochen hat. „Lass uns nicht darüber reden.“

Sie macht sich klein und trink ein wenig von ihrer heißen Schokolade, ihre Mutter seufzt leise und legt einen Arm um sie. „Tut mir Leid, Kleines, wirklich“, flüstert sie.

 

(Picture taken by Sophie Eichel)

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