Herbsttränen, Kapitel 6

Auf ihrem Heimweg lässt Maria sich Zeit, ihrer Mutter hat sie geschrieben und um ehrlich zu sein, nach ihren Gedanken im Bus ist ihr nicht danach, schnell zu laufen.

Der Regen hat aufgehört, die einzigen Tropfen, die Maria treffen, sind die, die von Ästen tropfen und durch den kühlen Wind in ihre Richtung geweht werden.

Sie guckt runter und nimmt überrascht einen Schritt zurück, wenn sie sieht, dass sie beinahe auf eine Nacktschnecke getreten ist.

Als ein Kind fand sie diese Tiere schon immer ekelerregend, aber daran denkt sie gar nicht, wenn sie in die Hocke geht und das langsame Lebewesen betrachtet.

Na du?“, sagt sie leise.

Natürlich gibt die Schnecke keine Antwort.

Früher wollte ich immer genau das Gegenteil zu dir sein. Ich bin immer so schnell gelaufen, wie ich konnte, weißt du?“, Maria beobachtet, wie das Tier aufhört, sich zu bewegen.
„Jetzt werde ich noch endgültig verrückt“, denkt sie sich, „Nicht nur rede ich mit einer verflixten Schnecke, nein, ich rede mir außerdem auch noch ein, dass sie zuhört!“
Sie steht wieder auf und schüttelt ihren Kopf. „Unglaublich, Maria“, sie lacht leise.
Für ein paar Sekunden schaut sie noch die Schnecke an, bevor sie wieder in die Hocke geht und etwas tut, was sie niemals von sich erwartet hätte.
Sie nimmt das schleimige Wesen in die Hand, im Reflex lässt sie es beinahe wieder fallen.

Sie hat sich schon immer vor den Schleimspuren von Schnecken geekelt, trotzdem behält sie sie auf der Hand und läuft in die Richtung des Grases, zu dem scheinbar auch das kleine Tier kriechen wollte.
Sie setzt es ab und beobachtet, wie es sich langsam im feuchten Grün verbirgt.
Maria schüttelt den Kopf über sich selbst, wischt ihre Hand an ihrer Hose ab und läuft weiter.
Vielleicht … Vielleicht ist es das, was sie immer falsch gemacht hat, der Grund, warum trotz ihrer Mühe, trotz ihres ständigen Wettkampfes sie niemals so weit gekommen war, egal wie weit sie gerannt ist.
Vielleicht konnte sie niemals gewinnen, niemals die Beste sein, weil sie sich immer zu sehr auf sich selbst konzentriert hatte.

Sie hat immer versucht, das Beste zu haben, die Beste zu sein, aber hat sie denn ihr Bestes getan?

Ist es denn richtig, sich nicht auf andere zu konzentrieren, vielleicht sogar andere zu manipulieren?

Sie ist immer schnell gelaufen, hat viel gelernt und dafür gesorgt, dass andere nicht besser sein können auf sie.

Vielleicht … Vielleicht war es ja wie mit der Schnecke.

Vielleicht trampelte sie ja zu viele Schnecken nieder in dem Versuch, ihren Weg frei zu haben.

Sie hasste das Wort „Vielleicht“ schon immer, aber in diesem Falle ist es das einzig richtige Wort.

Oder ist es doch „Tatsächlich“?
Bald erreicht sie ihr Zuhause und klingelt an die Tür, zum ersten Mal lächelt sie ihre Mutter an, wenn sie ihr die Tür aufmacht.

Hey Mom“, sie lächelt schüchtern und umarmt die Frau, die trotz Verwirrung sie trotzdem umarmt.

Ihre Mutter streicht ihr leicht über den Rücken, bevor sie leise fragt: „Alles okay?“

Maria nickt und umarmt sie ein bisschen fester. „Ich hab dich lieb“, sagt sie sanft.

Ich dich auch“, antwortet die Ältere, „Ich hab dich auch lieb, Maria.“

Die beiden lassen los und gehen rein. „Dein Vater ist noch arbeiten“, erklärt die Frau mit den langen Haaren, „Hast du schon gegessen?“

Maria schüttelt ihren Kopf, ihre Mutter lächelt sie warm an. „Dann komm, ich habe Lasagne gemacht.“

Die junge Frau folgt ihrer Mutter in die Küche.

 

 

(Picture taken by Sophie Eichel)

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