Herbsttränen, Kapitel 3

Maria sitzt in ihrem Pyjama auf ihrem Bett, im Schneidersitz sitzend, während sie Musik hört und sich das Bild des Rotkehlchens anguckt.

Sie lächelt leicht, amüsiert davon, dass das Rotkehlchen so aussieht, als würde es grinsen.

Es macht sie glücklich.

Es macht sie glücklich sich auszudenken, was der Vogel hätte denken können, während er ihr durch das Bild flog.

Vielleicht ja, wie gut er es doch hat, oder wie viel Spaß es ihm macht, frei herum zu fliegen, die Welt erkunden zu können, keine Einschränkung zu haben.

Vielleicht“, denkt die junge Frau sich, „Vielleicht werde ich eines Tages auch so frei sein.“

Sie legt das Bild beiseite und wackelt ein bisschen mit ihren Zehen, den blauen Nagellack auf den Nägeln betrachtend.

Ihre Mutter hat oft Witze darüber gemacht, dass es doch nichts brächte, sich die Fußnägel zu lackieren im Winter, da sie eh keiner sähe, allerdings hat Maria es immer als eine ablenkende Beschäftigung betrachtet und dementsprechend tut sie es immer noch häufig.

Sie betrachtet ihre Finger, deren Nägel ebenfalls blau sind.

Mittlerweile ist die Farbe getrocknet und sie zieht ihre flauschigen Socken an, bevor sie sich ihr Buch nimmt, Geduld ist alles.

Sie schlägt das Buch auf und blättert zu der Kurzgeschichte, bei der sie am vorigen Tag aufgehört hatte.

Geduld ist alles“, sagt sie sich selbst, „Ich gedulde mich einfach, bis alles besser wird.“

Maria vertieft sich in das Buch, bald genug schläft sie ein.

Die Morgenroutine ist wie immer dasselbe.

Der Wecker klingelt, Maria schaltet ihn aus, sie steht auf, nimmt eine Dusche, zieht sich an, macht ihren Eltern und sich Pfannkuchen, isst ein wenig und putzt ihre Zähne.

Dann nimmt sie ihre Handtasche, schaut nach ob alles drinnen ist und geht.

Der Weg zur Bushaltestelle braucht sie wie immer nur fünf Minuten.

Während sie auf ihren Bus wartet hört sie Musik in dem Versuch, alles um sich herum auszublenden.

Ein junger Mann, möglicherweise ein bisschen älter als sie, lässt sich trotzdem nicht davon abbringen, sie anzusprechen.

Hey“, er lächelt.

Sie flucht innerlich und tut so, als wäre ihre Musik zu laut um den anderen zu hören.

Maria zuckt zusammen, wenn er ihr den einen Kopfhörer aus dem Ohr zieht und redet: „Hey -“

Sie unterbricht ihn mit einer knappen Antwort: „Nein“, und nimmt ihre Tasche um in den Bus zu steigen.

In dem selben Moment in dem sie ihn so knapp abweist, fühlt sie sich auch schon schlecht, allerdings machen es ihr die Bauchschmerzen, die sie immer vor der Arbeit hat, schwer freundlich zu sein.

Sie zeigt ihre Fahrkarte vor und setzt sich nach ganz hinten, Maria verkneift sich das Seufzen, wenn er auch einsteigt.

Zu ihrem Glück setzt er sich nicht neben sie, ob er beleidigt ist oder nicht, kann sie nicht sagen.

Leise betrachtet sie ihn, während Missio in ihre Ohren singt.

Er wirkt nicht so, als würde er zur Arbeit gehen.

Vielleicht möchte er einfach nur shoppen? Sich einen schönen Tag machen?

Erneut zuckt sie zusammen und schaut weg, wenn er in ihre Richtung guckt. Aus dem Augenwinkel sieht sie dass er grinst.

Sie rollt ihre Augen und er schaut wieder nach vorne, ohne sich noch einmal umzudrehen während der Busfahrt.

Die Fahrt fühlt sich wie eine Ewigkeit an und wenn sie sieht, wie er aufsteht um auszusteigen an der selben Haltestelle wie sie selbst, flucht sie wieder leise.

Sie ignoriert ihn und rennt mehr als dass sie zur Buchhandlung läuft, sodass sie fünf Minuten bevor sie eigentlich da sein sollte da ist.

Maria nimmt ihren Schlüssel, geht so schnell sie kann rein und spricht ein innerliches Stoßgebet, dass ihre Chefin heute nicht da sei.

Sie läuft in den Gemeinschaftsraum, legt ihre Tasche und Jacke ab und geht zum Spiegel, um nachzugucken ob sie ordentlich aussieht.

Ihre Wangen sind leicht rot und ihre Augen leicht glasig durch die Luft, die ihr ins Gesicht peitschte während sie rannte.

Die junge Frau flicht sich schnell einen neuen Zopf und betrachtet sich selbst noch einmal kurz.

Ihre weiße Bluse, ihre schwarzen Jeans, ihre braunen Stiefel.

Sie sieht in Ordnung, nein, hübsch aus.

Sie nickt und geht zu dem vorderen Teil der Buchhandlung um die bestellten Bücher zu sortieren, leise vor sich hin summend.

Sie guckt aus dem Schaufenster raus und wenn ihre Wangen nicht immer noch rot sind, dann werden sie es schon wieder.

Er steht vor dem Laden und betrachtet interessiert die ausgestellten Bücher, seine blonden Haare leicht unordentlich vom Wind.

Er bemerkt sie nicht, bis er aufschaut.

Sobald er sie erblickt, grinst er breit und winkt.

Maria guckt weg und konzentriert sich wieder auf die Bestellungen.

 

 

(Picture taken by Sophie Eichel)

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