Herbsttränen, Kapitel 2

Als Maria nach Hause kommt, ist sie nicht überrascht über das, was sie sieht:

Ihre Mutter sitzt auf der Couch, ihr Kopf ruht auf ihrer Hand und ein Buch liegt auf ihrem Schoß.

Marias Mutter hat schon immer gerne gelesen.

Wenn man weiter in das Wohnzimmer geht, sieht man so etwas, wie eine kleine Bücherei.

Links von der Tür zieht sich ein Bücherregal die Wand entlang, welches bis zur Zimmerdecke reicht. Auf der Türseite geht es um die Ecke, ein paar Meter bis zu dem Eingang. Gegenüber dessen sind noch mehr einzelne Regale an der Wand und außerdem ein paar einzelne Stühle, auf denen sich Bücher und Magazine stapeln.

Wenn man genau hinguckt, kann man sogar eine Glastür dazwischen erkennen. Man könnte eigentlich durchgehen, wenn man es tut kommt man in den Wintergarten und Maria liebte es schon immer da drin zu sitzen, und einfach nach draußen zu schauen, zu tagträumen.

Aber jetzt gerade möchte sie das eher nicht.

Wenn man dann nach rechts schaut, sieht man einen großen Steinkamin, in dem jetzt gerade ein Feuer brennt. Vor dem Feuer sitzt, auf ihrem Lieblingsplatz, Marias Mutter.

Maria hat sie schon immer um ihre Haare beneidet.

Sie sind lang, kastanienbraun und fallen in fließenden Locken über ihre Brust, einen hübschen Kontrast zu ihrem schwarzen Rollkragenpullover bildend.

Die Seiten rascheln als sie umblättert, und für einen Moment schaut sie auf.

Nun, wo man ihr Gesicht sieht, sieht man auch das Alter das an ihr nagt.

In den Winkeln ihres Mundes und ihrer Augen sieht man Lachfalten, auf ihrer Stirn aber sieht man Falten davon, wie sie sie immer runzelt wenn sie besorgt ist, oder wenn ihr etwas nicht passt.

Du bist spät“, bemerkt die Frau, die trotz ihrer fünfundvierzig immer noch relativ jung aussieht.

Das Buch in ihrem Schoß klappt zu, „Ich habe versucht dich anzurufen. Mehrfach.“

Maria rollt ihre Augen, bevor sie spricht: „Mama, ich bin erwachsen. Versteh das doch bitte endlich.“

Ihre Mutter kommentiert das nicht und wechselt das Thema: „Wie war die Arbeit?“

Oh“, antwortet die zwanzigjährige amüsiert, ihre Stimme trieft schon beinahe von Sarkasmus, „Wundervoll.“

Die sitzende Frau nickt und öffnet ihr Buch wieder, um nach der Seite zu suchen, auf der sie war.

Maria nickt auch, sei es einfach nur zur Bestätigung oder um das letzte Wort zu haben. Sie zieht ihre nasse Jacke aus und hängt sie über die Heizung.

Ich nehme ’n Bad“, kündigt sie an, bevor sie das Wohnzimmer verlässt, ihre Schuhe auszieht und die Treppen hoch läuft, die zu den Schlafzimmern und dem Badezimmer führt.

Schon auf dem Weg streift sie das ebenfalls nasse Oberteil ab, weil es so unangenehm an ihrer Haut klebt.

Wenn sie endlich im Badezimmer steht, tut sie das Kleidungsstück mit einem frohen Seufzen in die Wäschetonne, ihre Jeans und Unterwäsche folgen bald darauf.

Während sie am Rand der Badewanne sitzt und darauf wartet, bis die Wanne volllaufen würde, denkt sie über ihren Tag nach.

Es war alles andere als wundervoll.

Maria arbeitet seit ihrem Schulabschluss in einer Buchhandlung. Eigentlich ist das ja gut, sie liebt Bücher beinahe ebenso sehr wie ihre Mutter, durch die kleine Bibliothek in ihrem Wohnzimmer kennt sie auch einige Bücher und hat kein Problem damit, Leute zu beraten.

Aber ihr Problem liegt bei ihrer Chefin.

Schon als sie sich beworben hatte, sie ist dafür persönlich gekommen, kam sie ihr … nicht unbedingt wie jemand vor, mit dem sie gut klarkommen würde, allerdings wurde ihr das umso eher am ersten Arbeitstag bewusst, als sie Maria dafür an gemotzt hat, dass sie es nicht geschafft hat einen Postkartenständer alleine zu tragen.

Nicht das Maria zu dumm dafür wäre, nein, aber sie ist einfach eine nicht gerade hoch gewachsene und vor allem relativ dünne, junge Frau. Dementsprechend kann man sich vorstellen, dass sie Probleme damit hatte, dieses Teil hoch zu hieven.

Sie denkt darüber nach, weshalb sie heute Probleme gekriegt hatte.

Heute wurden ihr vier Kisten voll mit Büchern gegeben, die sie in die Regale und das Lager sortieren sollte. Das hat sie auch gemacht, allerdings kam, als sie bei der dritten Kiste war, ihre Chefin zu ihr und sagte, sie solle sich jetzt um die Postkarten kümmern, jemand würde die Bücher weiter einsortieren.

Maria hat nicht widersprochen mit dem Gedanke, dass sie heute möglicherweise nicht gelobt, aber wenigstens nicht niedergemacht würde, wenn sie täte was ihr gesagt wurde.

Jedoch, sie hätte es sich denken müssen, kam sie nachdem sie mit den Postkarten fertig war zu den Kisten zurück so, wie sie sie zurück gelassen hat.

Natürlich hat ihre Chefin auf einmal nicht mehr gesagt, dass jemand die Kisten übernähme, sondern dass Maria sie erst fertig machen solle.

Manchmal fragt die junge Frau sich, ob ihre Chefin versucht, sie zur Kündigung zu treiben.

Leise seufzt sie und dreht das Wasser ab, bevor sie sich zum Badeschrank dreht, um ihre üblichen Sachen rauszuholen.

Während sie ihre Lieblingsbadebombe in das Wasser tut und zuschaut, wie das Wasser sprudelt während sie sich auflöst, denkt sie drüber nach, ob sie tatsächlich kündigen würde.

Aber wenn sie endlich in die Badewanne steigt und ihr Shampoo und Duschgel auf dem Rand platziert, ist es ihr schon klar, dass sie nicht kündigen wird.

Dafür will sie zu sehr endlich das Geld haben, um auszuziehen.

 

(Picture taken by Sophie Eichel)

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