Herbsttränen, Kapitel 1

Lächelnd schließt sie ihre Augen und genießt die sanfte Kälte, die kleinen Tropfen des Nieselns, das sich liebevoll, schwerelos auf ihr Gesicht legt und ihre braunen Haare benässt.

Ihre Wangen nehmen ein leichtes rot an und ihre grünen Augen leuchten, wenn sie sie wieder auf macht.

Sie genießt den Herbst, hat ihn schon immer genossen.

Sie beobachtet, wie die Abendröte über den Wipfeln der Bäume scheint und sich wie ein Gürtel über den Himmel legt.

Trotz des leichten Regens sind kaum Wolken zu sehen, so dass sie den Sonnenuntergang perfekt sehen kann und sich ein wunderschönes Bild ergibt:

Die braunen und roten Blätter scheinen das Licht der sinkenden Sonne wider, während der blutrote Ball sich dem Horizont nährt, das grüne Gras glitzert durch die Nässe.

Sie sitzt immer noch auf den Baum, auf den sie vor einer halben Stunde geklettert ist um das zu sehen, die Nässe ist schon längst durch ihre Kleidung gesickert und sie wird mit der höchsten Wahrscheinlichkeit krank über die nächsten Tage, aber das interessiert sie nicht.

Das einzige, was in ihrem Kopf gerade vorschwebt ist das. Dieser Moment.

Diesen Moment kann ihr keiner nehmen.

Nicht ihr Chef, nicht ihre Eltern, keiner.

Dieser Moment gehört allein ihr.

Sie nimmt ihre Kamera raus, es ist eine Sofortbild-Kamera, die ihr ihr Vater zu ihrem zehnten Geburtstag geschenkt hat, und schießt ein Foto, wenn in dem Moment ein Rotkehlchen durch das Bild fliegt.

Sie wartet, bis das Bild klar wird und lacht amüsiert, wenn sie den Vogel sieht.

Obwohl sie amüsiert ist, spürt sie auch ein kleines bisschen Eifersucht.

Du hast’s gut“, murmelt sie leise, „Du kannst fliegen wohin auch immer du willst, brüllt dich jemand an, du kannst weg fliegen, egal ob in die nächste Stadt oder gleich ins nächste Land, vielleicht auch nur Bundesland. Du bist so frei, kannst sein wo auch immer du willst. Verdammt, ich bin neidisch auf einen Vogel“, sie schmunzelt und verstummt.

Der Vogel ist schon längst weg, trotzdem schaut sie immer noch leise auf das Bild herab, seufzend.

Es ist ein schönes Bild.

Der Sonnenuntergang im Hintergrund ist immer noch klar zu sehen, auch mit dem Rotkehlchen im Vordergrund.

Sein rotes Gefieder scheint zu glühen und das bläulich-graue Gefieder an seinen Seiten wirft an einer Stelle das Sonnenlicht zurück und die oliv-braune Farbe auf seiner Oberseite und seinem

Schwanz ist makellos.

Sie muss sich eingestehen, sie hat noch nie so wirklich darauf geachtet, wie Vögel aussehen, ja sie ist oft draußen, aber sie kam nie auf diesen Gedanken sich die Tiere genauer anzusehen.

Und wenn sie ehrlich ist muss sie zugeben, sie hat selten so ein schönes Rotkehlchen gesehen.

Sie merkt gar nicht mal wie die Zeit vergeht, aber wenn sie aus ihren Gedanken schreckt, ist die Sonne schon lange untergegangen.

Zeit zu gehen“, sagt sie leise und springt von dem Ast auf dem sie saß ab. Beinahe knickt sie um und für ein paar Sekunden befürchtet sie, dass sie mit dem Gesicht voran in das Laub fallen würde.

Oh Gott -“, sie weitet ihre Augen und versucht, ihre Balance zu finden.

Es braucht sie zwar ein wenig, aber sie schafft es recht bald und trotzdem hält sie immer noch das Bild in ihrer rechten Hand, die Kamera hängt um ihren Hals.

Maria richtet sich auf und richtet ihre, mittlerweile nassen, Klamotten, bevor sie sich auf den Heimweg macht.

Ihre Eltern würden mal wieder zetern, von wegen sie hätten versucht sie anzurufen und anzuschreiben, wären ja so besorgt gewesen und so weiter und so weiter, dasselbe wie immer.

Sie rollt ihre Augen und hält das Bild so fest wie sie kann, ohne es zu zerknittern.

Ihr seid ja nur eifersüchtig“, denkt sie sich, „Und ich bin alt genug, verdammt nochmal.“

Stumm läuft die junge Frau nach Hause. Trotz pessimistischer Gedanken, macht das Bild sie glücklich.

(Illustration von Beate Eichel)

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